Aktuelle Kurzgeschichten
November 2023
Ein Geheimnis mit Folgen
Anthea strich durch ihre weiße Robe. Sie war die jüngste Hetäre in ganz Griechenland. Und die schönste. Mochten die Götter Aphrodite auf ewig preisen, so wie es die Menschen taten. So wie sie es tat. Denn Aphrodite hatte sie gesegnet.
Anthea war erfolgreich. Sie war berühmt. Und ihre Musik war, neben ihrer anderen Tätigkeit, das, was sie bekannt machte. Sie spielte mit den Sinnen der Männer und Frauen gleichermaßen. Alles zu Ehren ihrer Göttin.
Ihre Stimme entlockte so manchen Besuchern ihrer Obhut einen Laut, den sie ihren Lebtag nie wieder vergessen würden. Kraftvoll. Lebendig. Gierig. Aphrodite selbst könnte vor Neid erblassen. Und nicht nur die Liebesgöttin – auch all die anderen, die im Tempel der Aphrodite dienten. Es war ein zweischneidiges Schwert. Sie war geliebt und verhasst zugleich. Nicht nur von Rivalinnen, sondern auch von Liebhabern, die ihre Berühmtheit kaum ertrugen. Ihre Macht. Ihre Politik.
Anthea flocht ihre schwarzen Haare in ein Geflecht aus Olivenblättern, Kräutern und Perlen. Ihre goldenen Reife um ihre Handgelenke stellte sie besonder gerne zur Schau. Und sie klimperten bei jeder Bewegung. Wissend, dass sie beobachtet wurde. Sie sah sich im Spiegelbild des Wassers an. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen.
»Anthea«, flüsterte eine männliche Stimme. Márkos. Einer ihrer Geliebten. Sie ließ ihre Arme sinken und ihre leichte Seide tränkte sich in dem Wasser, an dem sie saß.
»Welche Konstellation lässt es zu, dass du heute Zeit für mich findest?«, erkundigte sich Anthea neckisch.
»Jede Sekunde, in der ich dich nicht sehe, ist wie ein Pfeil, der durch meine Brust schnellt. Ein Pfeil, den Eros selbst täglich schießt, um mich daran zu erinnern, wem es gehört. Es blutet für dich. Auf ewig.«
Anthea lächelte spitz, ließ sich jedoch nicht von seinen Worten einlullen. So redeten sie alle. Márkos kniete sich vor ihre Füße und küsste den Boden. In seinen Augen loderte ein Feuer und sie strich über seine Wange.
»Weswegen bist du hier, Márkos? Weswegen wirklich.«
»Ich wollte dich sehen.«
»Und?«
»Und dich bitten, den Kontakt zum Senator Themistoklís zu unterbinden.«
Anthea lächelte und widmete sich wieder ihrem Spiegelbild. Sie flocht ihre Haare weiter in ein Geflecht der ewigen Schönheit. »Nein.«
Sie sah in ihren Augenwinkeln, wie Márkos zusammenzuckte. Seine Muskeln spannten sich an. Sie mochte den Mann vor ihr. Doch noch mehr mochte sie die Macht, die Senator Themistoklís ihr darbot. Ein Wort. Ein Wort und ihre Wünsche waren ihm Befehl. Das Schicksal vieler Menschen lag in ihrer Hand. In ihrem Gesicht. In ihrem Körper. Eine Gunst, die nicht mal die Göttin Artemis ausschlagen würde.
»Du machst einen Fehler«, knurrte Márkos. »Ich werde es ihm sagen. Ich werde ihm dein Geheimnis verraten. Ich werde ihm sagen, was du für dich bewahrst. Verlass ihn. Sonst werde ich es allen verraten.«
Anthea verharrte. Ihre Armreifen klimperten beim Aufstehen. Der Stoff ihrer Robe glitt wie ein Wasserfall über ihre Rundungen und verlief am Saum in eine goldene Stickerei. Sie legte ihre Hand auf die Brust des starken Mannes vor ihr. Ihre Lippen benebelten den Geist des Mannes wie der Wein von Dionysos. Sie entlockte ihm ein Keuchen, als sie ihre Hand nach unten wandern ließ. Entlang seines Beins. Márkos zuckte zusammen, als sie seinen Dolch aus seiner Scheide zog.
»Blute für mich«, flüsterte sie in sein Ohr und stieß ihm den Dolch in die Brust. »Nicht der Pfeil Eros‹, sondern der Dolch der Aphrodite, erinnert dich daran, wem dein Herz gehört.«
Márkos sank langsam zu Boden.
Rotes Blut quoll aus seiner Wunde.
Rot wie die Leidenschaft.
Rot wie die Liebe.
Rot wie die Lippen der Aphrodite.
Verfasst von Maria Fuchs
Oktober 2023
Halloween Special
Ich hatte ein sehr gewöhnliches Leben. Jeden Tag ging ich meiner Arbeit als Anwalt nach und ging danach immer in den Imbiss die Straße runter. Ich gewann nur selten die Gerichtsverhandlungen. Man nannte mich einen Loser. Aber das war schon okay, denn ich liebte meinen Job. So sehr, ich wäre mir sicher, ich würde bis ans Ende meiner Tage zu jedem Gerichtstermin erscheinen und mich für das Recht einsetzen.
Meistens waren meine Klienten nachsichtig mit mir und meiner Schusseligkeit. Sie akzeptierten die Niederlage und ließen mich in Ruhe. Nun, zugegeben – sie waren dann immer im Gefängnis und konnten mir nicht mitteilen, ob sie sauer waren oder nicht. Aber das war schon in Ordnung!
Einer jedoch ... der war nicht so glücklich darüber, dass wir den Prozess verloren hatten. Der Klient schwor meinen Tod und musste mit viel Aufwand ruhig gestellt werden. Vor einigen Tagen war er aus dem Gefängnis ausgebrochen. Aber das war kein Grund zur Sorge!
Nichtsahnend ging ich also einige Tage später zur Arbeit und setzte mich für das Recht ein. Zumindest wollte ich das. Bevor ich verstand, was geschah, drang ein Messer durch meine Brust. Ah. Mein Klient hatte mich also tatsächlich heimgesucht, um mich zu töten. Tragisch.
Noch bevor ich den Boden erreichte, war ich tot. Ich beobachtete wie mein Körper traurig und leblos auf der Erde lag, während mein ehemaliger Klient zufrieden davoneilte. Moment.
Wie konnte ich das eigentlich sehen? Ich war doch tot! Etwas stimmte nicht. Ich sah an mir herab. Meine Gestalt war ein durchsichtiges Etwas. Und dann geschah auch schon etwas anderes. Ein Stöhnen verließ meine Lippen. Aber nicht meine durchsichtigen, sondern die meines Körpers auf dem Boden. Mein Körper richtete sich auf und sah sich verwirrt um.
»Gah?«
Na toll. Mein Körper war ein Zombie.
Er zog sich das Messer aus der Brust und stolperte nach vorne, um meine – unsere Aktentasche aufzuheben.
»Warte! So kannst du doch nicht zur Arbeit!«, rief ich mir selbst hinterher, doch mein zombifiziertes Ich ging bereits los. Das Positive an der ganzen Sache war zumindest, dass ich als Geist ziemlich schnell unterwegs sein konnte, ohne außer Atem zu geraten. Das Negative – man wurde dauernd übersehen. Immerhin glitt ich durch die Personen hindurch, wenn sie mich nicht sahen. So war ein Aufeinanderstoßen immer vermieden. Allerdings schüttelten sie sich dann immer angewidert, als wären sie in ein Spinnennetz reingelaufen. So glücklich konnte sich mein Zombie nicht schätzen. Er stieß nicht nur gegen andere Menschen, sondern lief auch ständig in Pfosten hinein. Was ein Trottel mein Körper doch war. Ohne Sinn und Verstand erreichte er schließlich unsere Arbeit.
»Guten Morg – oh. Wie siehst du denn aus?«, erkundigte sich die Sekretärin stirnrunzelnd. »Schlecht geschlafen? Nimm dir gleich auf jeden Fall mal einen Kaffee.«
Mein Körper grunzte zurück.
»Bleib mal stehen«, rief ich meinen Zombie zurück. »Du kannst so unmöglich deine Klienten verteidigen! Wie sollen sie dich denn verstehen?«
Mein zombifiziertes Ich ignorierte mich. Na großartig. Stattdessen stand er blöd vor dem Aufzug und starrte die Anzeige an.
»Alles gut Rob? Siehst müde aus. Und was hast du da denn für einen Fleck auf der Brust? Schon so früh am Morgen Ketchup gegessen?« Mein – unser Kollege betätigte den Knopf und mein Körper folgte ihm in den Fahrstuhl. Ich glitt durch die Wände hindurch nach oben und wunderte mich, wie keiner bemerkte, dass ich verstorben war.
»Guten Morgen Rob!«, grüßte mich meine Kollegin. Mein Körper grunzte und sie lachte. »Du bist heute auf Scherze aus, was?« Fassungslos musterte ich die beiden. Meine Kollegin hatte früher nie über meine Witze gelacht.
Ich folgte meinem Körper in den Saal, wo unser Klient für den nächsten Prozess wartete. Mein Körper grunzte und unser Klient wirkte mit einem Schlag ruhiger.
»Sie haben Recht. Wir dürfen nicht die Hoffnung aufgeben. Sie werden meine Unschuld beweisen können.«
»Grah.«
Die Richterin betrat nun ebenfalls den Saal und alle erhoben sich. Sogar mein Zombie-Körper, der dabei jedoch einknickte.
»Lasst uns beginnen!«
»Ich plädiere schuldig für den Angeklagten«, rief mein Erzfeind, der jeden Prozess gegen mich gewann. Wie gewohnt wurden die Vorwürfe vorgetragen, die Beweise vorgestellt, und die Zeugen befragt. Als wir dran waren, den Klienten zu verteidigen, fürchtete ich, dass unsere Karriere nun völlig gelaufen war. Ich hatte nie besonders Erfolg in den Verfahren gehabt, doch jetzt war es völlig ausweglos. Dachte ich.
Mein Körper stand auf und grunzte. Ein Raunen ging durch den Saal. Er grunzte erneut und eine Zeugin weinte. Das Gemurmel wurde lauter.
»Ruhe!« Die Richterin schlug ihren Hammer und die Gefolgschaft verstummte. »Fahren Sie fort, Rob.«
»Gah, grah. Hmpfh.«
»Das klingt tatsächlich sehr überzeugend.«
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich gewann gerade meinen aller ersten Prozess. Allerdings auf eine ganz eigenartige und verschrobene Weise. Mein Körper redete doch vollkommenen Unsinn! Das schien die Delegierten jedoch nicht zu stören. Ganz im Gegenteil.
Wir gewannen. Und danach wieder. Und danach auch. Wir gewannen jeden Prozess.
»Danke«, sagte ich eines Tages und mein zombifiziertes Ich hob seinen Daumen. »Gruhmpf.« Dann fiel ihm die Hand ab.
Mein Körper erfüllte meinen Traum und ich durfte dabei zusehen, bis ans Ende aller Zeit.
Verfasst von Maria Fuchs
September 2023
Da ist jemand salty
Wenn das Glitzern des frühen Morgens die Augen der müden Waldbewohner kitzelt, kann davon ausgegangen werden, dass Feen wieder ihre Streiche spielen. Feen sind nämlich besonders streichsüchtige Kreaturen. Scheu, wenn man sich ihnen mit schlechtem Herzen nähert, doch umso empfänglicher für das Licht eines Wesens, das mutig genug ist, sich ihren Streichen auszusetzen. Geliebt für ihre Flügel und gejagt für ihren Staub, zeigen sie sich jedoch immer seltener. So kommt es, dass nur noch Wenige das Glück erhalten, diese Geschöpfe in ihrem natürlichen Habitat zu finden.
Ganz und gar nicht scheu ist jedoch Elladan Erin Krilo, der von seinen Freunden einfach nur Dan genannt wird. Dan ist nämlich eine Fee, die dem Leben im Wald und damit der Sicherheit den Rücken gekehrt hat. Er lebt ein überraschend unbeschwertes Leben, was allein dadurch möglich ist, dass die wenigsten wissen, wie Feen aussehen. Schließlich haben nur wenige Kreaturen der Erde eine bewusst getroffen. Man könnte meinen, dass Feen in der heutigen Gesellschaft auffallen würden. Vor allem wegen ihrer Flügel und dem winzigen Körper, der auf einer Hand Platz finden kann. Doch seine Freunde helfen ihm so unbemerkt wie möglich zu leben. Und das gelingt ihnen auch, so lange Dan nicht übertreibt. Das ist allerdings gar nicht so leicht. Denn seien wir mal ehrlich: Die Streiche einer Fee sind niemals zu bändigen und können für ziemlich viel Aufsehen sorgen.
So auch heute.
Dans beste Freundin Mia, eine junge Magierin der Zauberakademie, hat dies scheinbar vergessen. Gut gelaunt findet Dan Unterschlupf in Mias Brusttasche, während sie im Restaurant Drachenatem auf ihre Bestellung warten. Es dauert auch gar nicht lange und Dans Freundin wird bedient. Allerdings gibt es einen Haken. Statt des bestellten Burgers ohne Sauergürkchen erhält sie genau das – Sauergürkchen. Sie räuspert sich und versucht, darauf hinzuweisen, doch ihr wird kein Gehör geschenkt. Dan würde sich am liebsten für sie einsetzen, doch als Fee ist dies nicht gerade ungefährlich.
Statt ein Stück des Burgers zu essen, wie er es sonst tun würde, schlüpft er in die Schürzentasche der Bedienung. Neben Kleingeld und Fusseln wird er in die Küche getragen.
Perfekt!
Er schlägt seine Flügel und fliegt auf das Kochfeld zu. Ungesehen stemmt er sich gegen den Salzstreuer und lässt ihn über den Kochtopf rieseln. Bevor der Koch Dan sieht, verschwindet er in Windeseile mitsamt der Suppenkelle hinter einem Teller auf einem Servierwagen. Der schiefe Gesang des Kochs stoppt abrupt, als dieser bemerkt, dass sich sein Kochlöffel nicht mehr an seinem Platz, sondern am anderen Ende des Raums befindet. Er kratzt sich verwirrt am Kopf und Dan lacht sich ins Fäustchen. Während dieser Ablenkung mischt Dan Salz in ein Dessert, das nebenan darauf wartet, von der Bedienung abgeholt zu werden. Den Löffel nun endlich zurückerobert, schwingt der Koch seinen Stab und weitere Töpfe fliegen quer durch den Raum auf den Herd.
Dan schlägt schnell seine Flügel und taucht in dem Gewirr der Töpfe unter, sodass er die gegenüberliegende Seite ungesehen erreicht. Er landet beim Waschbecken und sieht sich um. Ein Glas Sauergürkchen und ein langes, schmales Glas stehen wie zur Einladung bereit.
Er presst seinen kleinen Körper gegen das Wasserglas. Ächzend schiebt er es auf die Kante zu. Nur noch ein bisschen! Noch ein bisschen ... und es zerschellt laut auf dem Boden.
Erschrocken fährt der Koch herum. Gerade rechtzeitig duckt sich Dan, bevor er entdeckt wird. Mürrisch bückt sich der Magier und kehrt die Scherben vom Boden. Das ist der Moment! Dan nimmt Anlauf, greift mit noch gewaltigerer Kraftanstrengung nach dem Gürkchenglas und fliegt in die Höhe. Bevor die Kraft seiner Flügel versagt, lässt er das Glas Sauergürkchen los. Polternd landet es auf dem Koch und er fährt wütend herum.
Zeit, zu verschwinden!
Eine Angestellte stürmt in die Küche, um den Tumult auf den Grund zu gehen und genau in dem Moment schlüpft Dan wieder hinaus. Zusammen mit der Suppe, die vorhin noch auf dem Kochfeld köchelte.
Mias Blicke ignorierend setzt sich Dan wieder in die Brusttasche seiner Freundin und beobachtet amüsiert die Gesichter der Gäste, die total versalzene Speisen ausspucken.
Tja, leg dich niemals mit jemanden an, denn du weißt nie, ob die Person nicht vielleicht eine rachsüchtige Fee in der Tasche hat.
Verfasst von Maria Fuchs
August 2023
Atemberaubend
Glitzernde Reflexionen tanzten auf der Oberfläche des Meeres. Mondstrahlen kämpften sich voran ins kräftige Blau. Doch das Licht konnte das Verborgene und Geheime der Tiefe nicht enthüllen.
Bis der Lichtschein einer Laterne die Aufmerksamkeit von etwas am Grund des Meeres erregte. Blubbernde Bläschen bildeten sich langsam. Eine Hand hob sich wellenartig voran. Ein Strudel brachte die umliegenden Algen zum Schwingen.
Das Schimmern von blauen Schuppen blendete jeden, der in Koras Richtung blickte. Fische schwammen dicht neben den Haaren der Meerjungfrau und suchten Schutz in ihrer Macht. Ungeachtet ihres Gefolges summte Kora ein Lied und stieg weiter auf, angezogen von dem ominösen Laternenlicht. Das umliegende Wasser noch einmal tief in sich aufnehmend, schloss sie ihre Kiemen und durchbrach die Wasseroberfläche. Die Wogen der Wellen, von einem Boot verursacht, stießen auf Koras schwarze Haut. Sie erhob sich weiter aus der Dunkelheit des Meeres und lauschte.
„Wie lange dauert das noch?“, fragte eine raue Stimme, die in Koras Ohren kratzte. Sie lugte vorsichtig zum Boot hoch. Das Licht blendete sie, doch die Aggressivität des Fremden reizte ihre Neugier.
„Beabsichtigst du, dass diese Hexe überlebt? Wir müssen weit genug vom Festland sein“, erklärte ein Zweiter.
Kora schlug ihre Schwanzflosse und ergriff mit ihren Fingern die Reling. Gut getarnt in der Dunkelheit der Nacht musterte sie die Fremden.
Eine Frau lag bewusstlos auf dem Boden des Bootes, ihre Arme und Beine von Seilen umwickelt. Zwei Männer hockten über ihr und paddelten. Kora warf sich rücklings zurück ins Wasser und verursachte eine Welle, die die drei Fremden traf.
„Was war das?“
„Wir sind auf dem Meer, du Trottel. Wurdest du noch nie nass?“
„Der Wellengang ist seicht. Woher kam dann die Welle?“
„Vielleicht hast du zu stark gepaddelt. Und jetzt Ruhe.“
„Mir gefällt das alles nicht. Lass uns diese Hexe einfach ertränken und gut ist. Unheimlich ist es hier.“
Die Männer tauschten Blicke aus und nickten schließlich. Kora beobachtete, wie die beiden die Frau hochhoben und ins Wasser werfen wollten.
Ein Lächeln stahl sich in das Gesicht der Meerjungfrau. Ein Summen erfüllte die Nacht. Die beiden Männer stockten und sahen sich verwundert um.
„H-hörst du das?“
„Das muss ein Trick der Hexe sein.“
Kora sang in die düstere Nacht hinein:
„In den Tiefen, dort wo Träume wohnen,
wo die Wellen sanft ans Ufer stoßen.
Ein Lied erklingt, so süß und zart,
Verführt die Seele, nimmt sie in seine Wart.“
Die Fische um Kora verschwanden. Die Wellen wurden still. Sie lächelte breiter und hob ihren Kopf höher über das Wasser.
„Die Sterne funkeln hoch am Himmelszelt,
Während meine Stimme durch die Dunkelheit schwellt.
Ein Klang so sanft, ein Hauch von Magie,
Zieht die Männer heran, ins Ungewisse sie zieh’n.“
Die Fremden ließen die Frau fallen und sie kullerte zurück ins Boot.
„Scheiße! Wir müssen weg hier! Jetzt!“
„Die Wellen tanzen, im silbernen Schein,
Ein Spiel aus Licht, ein Verlocken so rein.
Meine Melodie umschmeichelt ihren Verstand,
Berauscht von ihr, scheiden sie vom Land.“
Die Männer fielen auf ihre Knie, als sie Kora an der Reling des Bootes bemerkten. Müde musterten sie die Meerjungfrau, die ihre Magie weiter in ihre Stimme fließen ließ und die Sinne der beiden umspielte.
„Doch Vorsicht, Männer, in diesem Gesang,
Liegt eine Gefahr, die euch fesseln kann lang.“
Die beiden Männer stiegen langsam zu ihr ins Meer. Kora stieß das Boot mit ihrer Kraft voran. Möge die Hexe wohlbehalten und von guten Wesen gefunden werden.
Koras Stimme erfüllte die Nacht mit ihrem Zauber. Sie sank tiefer in die Dunkelheit des Wassers, dicht gefolgt von den beiden Fremden.
„Die Tiefe des Meeres ist dunkel und kalt,
wo das Licht kaum hinreicht, und das Schicksal schlägt bald.“
Kora summte die Männer in den Schlaf und sie sanken mit ihr zum Abgrund des Meeres. Bläschen bildeten sich um die Münder der Fremden. Die Laterne des Bootes geriet immer weiter in die Ferne.
Das Licht des Mondes drang nicht in die Verborgenheit der Meerestiefe.
Verfasst von Maria Fuchs
